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Plädoyer für das Hörbuch
Wer hört, der liest nicht
Dieses von vielen Lehrern und Buchhändlern gerne verwendete Argument ist durch nichts bewiesen. „Kinder sollen selbst lesen, nicht einfach faul zuhören“, heißt es.
Dass wer hört, nicht liest, ist ein Argument, das immer dann vorgebracht wird, wenn man mit der Lesemotivation der Kinder nicht so recht weiter kommt und nach Ursachen hierfür sucht, wobei diese meist bei den Kindern, weniger bei den Erwachsenen gesucht werden.
„Bild aus, Ohren auf!“ wäre ein geeignetes Motto für Leseförderung, denn es würde sich gegen das Fernsehen richten, das vor allem für Kinder im Grundschulalter die größte Motivationsbremse fürs Lesen darstellt und zudem ein nicht zu unterschätzender Phantasietöter ist.
Mit Hören fängt alles an
Im Anfang ist das Wort. Für uns Menschen beginnt der Kontakt zu der Welt, in die wir hinein geboren werden, nicht über das Auge sondern das Ohr. Das Neugeborene hört die Stimme der Mutter noch bevor es sie sieht. Auch das noch Ungeborene hört schon. „Es ist das Ohr, das die Dunkelheit durchdringt, nicht das Auge“, sagen die ostafrikanischen Massai.
Das Neugeborene kann hören und sehen, aber noch nicht sprechen. Das Sprechen wird über das Hören gelernt. Sprechen können braucht seine Zeit.
Lesen lernen ist mühsam
Auch lesen können braucht seine Zeit. Das Kind muss lernen, Buchstaben und Worte zu Sätzen zusammenzufügen. Das ist mühsam. Und was mühsam ist - nicht nur bei Lesen und Schreiben - macht zunächst einmal keinen Spaß.
Vorgelesen bekommen ist schön
Kinder lieben es, vorgelesen zu bekommen, Geschichten zuzuhören. Denn im Kopf entstehen Bilder dabei.
Vorlesen steht auch für Gemeinsamkeit, Dazugehören und Geborgenheit. Was Kindern heute weitgehend fehlt, ist ein vergnügliches Vorgelesen bekommen. Denn die vorlesenden Eltern oder Großeltern gibt es immer weniger. Es fehlt ihnen die Zeit, was nicht immer stimmt. Nach einer bundesweiten Studie sagten nur 18 Prozent der Eltern, sie würden niemals vorlesen. 37 Prozent der Kinder jedoch sagten, dass ihnen niemand vorliest, weder im Elternhaus, noch im Kindergarten oder in der Grundschule (Studie: "Vorlesen im Kinderalltag 2008", Stiftung Lesen).
Von der Sprechplatte zum Hörbuch
Bevor das Buch aufkam, wurden Geschichten durch Erzählen weitergegeben. So blieben sie über Generationen hinweg erhalten. Mit dem Buch kam für die Kinder auch das Vorlesen. Eine andere Art, vorgelesen zu bekommen, ist das Anhören von Hörbüchern.
Die Geschichte des sprechenden Buchs ist so alt wie die Schelllack-Platte selbst. Schon mit ihrem Aufkommen gab es sogenannte „Sprechplatten“, Vorgänger der heutigen „Hörbücher“. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte das Hören mit den „Hörspielen“ im Radio eine Blütezeit, bis das Radio-Hören vom Fern-Sehen verdrängt wurde. In den 1970er Jahren wurden die „Kinderkassetten“ mit Titeln wie Heidi und Biene Maja, Jim Knopf und Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und vielen anderen dank der „tragbaren Grammophone“ - den Kassetten-Recordern - der Hit einer ganzen Kindergeneration, auch wenn es sich auf diesen Tonträgern meist um Hörspiele handelte.
Zeit besser nutzen
In Anlehnung an das in Amerika unter dem Slogan „Double Your Time“ populär gewordene Audiobook kam es auch im deutschsprachigen Raum zur Einführung des „Hörbuchs“, das in den letzten Jahren den Buchmarkt immer mehr eroberte. Der Slogan „Verdoppele deine Zeit!“ erfüllt sich, wenn man zum Beispiel bei längeren Reisen, beim Joggen oder in Wartezimmern die „leere“ Zeit sinnvoll nutzen will. Man kann auf diese Weise eine fremde Sprache erlernen, sich fortbilden oder Literatur kennen lernen.
Auch Kinder haben neben dem Spaß am Hörbuch seine Nützlichkeit erkannt. Hören - im Gegensatz zum Fernsehen - lässt sich nämlich auf einfache Weise mit anderen Tätigkeiten verbinden: man kann einer schönen Geschichte zuhören und zur gleichen Zeit spielen oder malen oder bei längeren Autoreisen aus dem Fenster gucken. Und man kann das Hörerlebnis gleichzeitig auch mit anderen Kindern teilen.
Die Lesefaulheit der Kinder
Ständig wird die Lesefaulheit der Kinder beklagt, die gar nicht so groß ist, wie ständig behauptet wird (Kids-Verbraucher-Analyse 2008, Egmont Ehapa Verlag). Und unter dem Stichwort „Leseförderung“ werden eine Menge Aktivitäten gegen sie unternommen. Eigentlich handelt es sich hierbei mehr um das Erlernen des Lesens, weniger um die Vermittlung von Freude an ihm. Denn dass mit dem lesen lernen gleichzeitig auch Freude an Büchern geweckt wird, ist meist eine Illusion.
Aber warum sind Kinder lesefaul? Weil Lesen anstrengend ist, wenigstens so lange, bis man es gut kann. Fernsehen ist nicht anstrengend. Und so lange Lesen mit Mühen verbunden ist, so lange werden Bücher von Kindern als eine andere Art von Schulbüchern angesehen und machen wenig Spaß.
Lesefreude durch Hörfreude
Neben dem lesen lernen und lesen können muss gleichzeitig die Freude an Geschichten geweckt werden, denn das Kind will wissen, wozu sich Lesen eigentlich lohnt. Freude an Büchern entsteht oftmals durch Freude am Hören. Was man gerne gehört hat, will man auch lesen können. Viele Kinder sind erst über das Hören zum Lesen gekommen. Mit einem Hörbuch also kann Lesefreude geweckt werden. Und damit Freude an Literatur.
Sprechen lernen durch zuhören
Wer lesen kann, muss nicht auch schon gut sprechen, sich verständlich ausdrücken können. Mit dem Anhören von Hörbüchern, also mit Zuhören, wird das Sprechen, die Fähigkeit zum Gespräch ganz wesentlich gefördert. In vielen Familien gibt es nur noch wenige gemeinsame Mahlzeiten und damit die Möglichkeit des Gesprächs. Bei der oft einzigen Mahlzeit am Abend läuft meist auch noch der Fernsehapparat. Gespräche reduzieren sich auf den Austausch einzelner Worte und von Satzfetzen. Und auch auf dem Schulweg oder Schulhof erfolgt die Kommunikation nicht anders, und nicht nur dort, wo deutschsprachige Kinder mit anderssprachigen Kindern zusammen kommen.
Dies alles führt dazu, dass sich viele Kinder heute nicht mehr richtig ausdrücken und in der Schule ihr Wissen nicht mehr formulieren können. Es ist, als würden sie an dem, was sie wissen und sagen wollen, ersticken, weil sie es nicht ausdrücken können. Mit Hörbüchern wird Sprechen gelernt und damit Sprachkompetenz erworben.
Unsere Sprache verkommt zusehends
Nach Ansicht von zwei Dritteln der Bundesbürger droht die deutsche Sprache mehr und mehr zu verkommen. (Immerhin, man ist sich also der Situation bewusst!) Es wird beklagt, dass immer weniger Wert auf eine gute Ausdrucksweise gelegt werde und die befragten Erwachsenen räumen ein, anstößige Worte selbst zu verwenden (Institut für Demoskopie Allensbach, April 2008). Als Ursachen hierfür werden angeführt, dass weniger gelesen und mehr ferngesehen wird, der Einfluss anderer Sprachen auf die deutsche Sprache stark zunimmt und dass ganz allgemein weniger Wert auf gute Ausdrucksweise gelegt wird. Das betreffe vor allem das Elternhaus, die Schule, die Medien und die Kommunikation per SMS oder E-Mail.
Sprachfreude durch Hörfreude
Über das Hörbuch erschließt sich den Hörern nicht nur der Sinn einer geschriebenen Geschichte, sondern sie nehmen auch ihre Muttersprache als Schriftsprache wahr. Damit erfahren sie einen Zugewinn an Sprachkompetenz. Kinder, denen nicht vorgelesen wird oder die Hörbücher nicht hören dürfen, sind beim Erwerb von Sprach- und Konzentrationsfähigkeit massiv benachteiligt.
Der Zugewinn erwächst auch aus der Vielfalt und Schönheit der Muttersprache, ihrer Farbigkeit und Originalität, der Verschiedenheit und Ungewöhnlichkeit des Ausdrucks. Manche Texte wollen einfach laut gesprochen werden. Es ist ein Genuss, professionellen Sprechern zuzuhören, zum Beispiel einer Anna Thalbach oder einem Rufus Beck.
Man sollte Kinder daher möglichst viel hören lassen. Auch kann man sie anleiten, gleichzeitig mit dem Hören eines Buches in ihm mitzulesen, was auch im Unterricht geschehen kann. Dadurch wird die Freude an der Geschichte erhöht. Auch erfahren Kinder, wie viele Ausdrucksmöglichkeiten eine Stimme hat, und wie man mit ihr Sprache verändern kann. Schließlich wird die Fähigkeit gefördert, das Gehörte sprachlich „schön“ wiederzugeben.
In den Schulen also sollten nicht nur Bildschirme und Computer einziehen, sondern auch Hörstationen.
Das Buch braucht das Hörbuch.
Nach wie vor wird der Stellenwert des Zuhörens für Sprechen, Lesen und Schreiben völlig unterschätzt. Lässt man Kinder mehr hören, dann werden sie auch mehr lesen, einfach deshalb, weil das Zuhören Lust auf Lesen macht. Und sie werden wie von selbst lernen, besser zu sprechen und sich verständlicher auszudrücken.
Das Motto muss also heißen: „Ton auf, Ohren auf“.
Die Lust, nicht nur zu hören, sondern das Gehörte auch zu lesen, entsteht dann ganz von selbst. Und mit der Lust am Lesen entsteht auch Freude an Literatur.
© Klaus Heilmann, 2008, 2009, 2010